Blick in die Altenpflege

Kerstin Mauersberger (58) ist seit über 20 Jahren Altenpflegerin in einem Pflegeheim mit 108 Plätzen und einer Wachkoma-Station in einer Kleinstadt in Sachsen. Zu DDR-Zeiten war sie Facharbeiterin in der Qualitätskontrolle in der Schwerindustrie. Nach der Wende ließ sie sich im Bereich Altenpflege ausbilden. Sie ist Wohnbereichsleiterin auf einer Station und hat eine Zusatzausbildung in Palliativ Care. Außerdem arbeitet sie ehrenamtlich im Hospizdienst. Insbesondere in der Sterbebegleitung hat sie sich fortgebildet und ist bei Sterbefällen als kompetente Kraft sehr gefragt.

Was ist für Sie im Sterbeprozess hilfreich und wichtig?

Kein Mensch sollte am Lebensende Schmerzen erleiden. Das ist ein wichtiger Grundsatz für mich“, erklärt die Altenpflegerin. „Die Menschen, die zu uns kommen, wissen, dass sie in der Regel auch bei uns sterben. Ich halte es deshalb für wichtig, mit den Heimbewohnern über ihr Sterben zu sprechen, wenn sie dies wollen. Sie sollten ihre innersten Wünsche mitteilen können, wie zum Beispiel in welcher Kleidung sie beigesetzt werden oder welche Dinge sie auf ihrem letzten Weg mitnehmen möchten. Auch gilt es die Angehörigen aufzufangen.

Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die fünf Kinder hatte, die regelmäßig zu Besuch kamen. Die Dame hatte verschiedene Erkrankungen und dazu als Diabetikerin Amputationen an den Füßen. Sie litt Beschwerden und hatte einen langen Leidensweg hinter sich. Beim Verbandswechsel sagte sie zu mir eines Tages: „Ich gehe morgen nicht mehr zur Dialyse, ich möchte sterben“. Die schützenden Hygienemaßnahmen und die Corona-Testungen ermöglichten es, dass alle Angehörigen in den letzten Lebenstagen noch einmal vorbeischauen konnten.

Der Tod der Dame kam dann jedoch für alle schneller als erwartet, sodass die Kinder der Bewohnerin erst eintrafen, als diese bereits verstorben war. Wir ermöglichten den Angehörigen sich mit einer Tasse Kaffee, den ihre Mutter über alles geliebt hatte, von ihr Abschied zu nehmen. Für die Mutter wurde eine Tasse Kaffee hingestellt und gesüßt. So konnten sich alle, trotz Trauer und Tränen, ihrer Mutter noch einmal nah fühlen. Dieses Ritual des Kaffeetrinkens tröstete die Angehörigen etwas darüber hinweg, dass sie beim Sterben nicht anwesend gewesen waren. Sie waren dankbar, dass sie sich gemeinsam verabschieden konnten.

Ich überlege mir immer, wie wollte ich, dass man mit mir umgeht, wenn ich dort liegen würde. Welche Hilfe wäre für mich wichtig? Altenpflege ist nicht nur ein Job, sondern man muss mit vollem Herzen dabei sein und alte Menschen lieben. Man muss die Leistung eines jeden Menschen respektieren, auch wenn er in seinem Leben Fehler gemacht hat. Für mich ist es ein gutes Gefühl, jemandem helfen zu können.

Wie sehr beeinflussten Corona und die Maßnahmen bisher Ihre Arbeit?

Anfang Dezember 2020 hatten einige Bewohner erste Erkältungsanzeichen. Die Hausärzte kamen in Schutzanzügen und führten Tests durch. Von 27 Personen wurden innerhalb einer Woche zehn positiv getestet. Meine Kolleginnen und ich blieben ab diesem Zeitpunkt für etwa zwei Wochen als einzige in der Frühschicht auf unserer Station. Wir tauschten kein Personal. Eine Hand half der anderen. Ab diesem Zeitpunkt blieb - aus Sicherheitsgründen - jeder Wohnbereich für sich. Dieser Plan hatte in unseren Augen Hand und Fuß. Wir hatten alle Hygienemittel vorrätig und konnten uns immer schützen. Insgesamt hatten wir die Station für etwa drei Wochen geschlossen, wie es das Gesundheitsamt vorgegeben hatte. Wir konnten keine Besuche mehr zulassen, denn keiner wollte das Risiko von Erkrankungen auf sich nehmen und an Neuerkrankungen schuld sein. Natürlich gab es Vorwürfe von außen, weil Besuche nicht mehr möglich waren. Es war nicht einfach, hier Stellung zu beziehen.

Mehrere Bewohner starben im Dezember 2020 in meinem Wohnbereich. Sie hatten zum Teil viele Vorerkrankungen und starben mit und an Corona. Wenn es abzusehen war, dass ein Bewohner sterben würde, war es den Angehörigen mit kompletter Schutzausrüstung (inkl. Brille, Schutzkittel, Schuhüberzieher, Mundschutz, Handschuhen) möglich, sich von ihren nächsten Angehörigen zu verabschieden. Zwei Bewohner – mit schweren Vorerkrankungen – sind im Krankenhaus binnen 24 Stunden verstorben. Dort durften die Verwandten nicht mehr zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Für die Zurückgebliebenen war dieses Vorgehen sehr schwer zu ertragen. Bis heute haben sie diese Situation nicht verkraftet und verarbeitet.

Wie sah Ihr Arbeitsalltag in diesen drei Wochen aus?

Wir haben die gesundheitliche Lage mit den Heimbewohnern besprochen. Und auch unter uns hatten wir einen guten Zusammenhalt und tauschten uns offen über das aus, was uns bewegte. Besonders diese Zeit hat uns als Kollektiv noch enger zusammengebracht. Ich bin stolz auf meine Kollegen. Zusammen mit den uns anvertrauten Bewohnern, die nur uns Pfleger als sozialen Kontakt hatten, haben wir die Situation durchgestanden. Die alten Menschen waren in dieser Phase alleine in ihren Zimmern. Für die dementen Personen, die wenig bis gar nichts mit dem Begriff „Corona“ anzufangen wussten, war es besonders schwer. Sie erkannten uns mit unserer Schutzkleidung und Mundschutz nicht mehr und konnten das Vorgehen des Personals schwer einordnen. Diejenigen, die in ihren Zimmern Nachrichten über Fernsehen oder Radio empfingen, konnten die Situation besser verstehen und waren dann aber auch wesentlich ängstlicher, als wir ihnen wieder ermöglichten die Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen. Ich persönlich war dankbar dafür, dass ich immer zur Arbeit gehen konnte. So konnte ich für die Leute da sein und mit ihnen über ihre Ängste reden.

Und wie ging es nach dieser harten Isolationsphase auf Ihrer Station weiter?

Die übrigen Erkrankten, mit und ohne Corona-Symptome, sind genesen und haben alles gut überstanden. Seit Monaten gibt es seitdem keinen positiven Fall mehr bei uns. Mittlerweile werden alle Besucher, auch die Therapeuten, getestet, bevor sie ins Haus kommen. Dabei können diese, ebenso wie das Personal und die Heimbewohner, zwischen einem Rachen- oder Nasenabstrich wählen. Bei einem negativen Test ist der Besuch kein Problem, allerdings ist dieser auf eine halbe Stunde zeitlich begrenzt. Wir haben bestimmte Besuchstage, und zwar Dienstag und Freitag. In Ausnahmefällen ermöglichen wir aber auch Besuche an den Wochenenden. Das Pflegepersonal wird drei Mal in der Woche getestet. Die Heimbewohner werden einmal wöchentlich getestet. Sollte es einen positiven Fall geben, muss dieser dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Interessanterweise haben wir seit Dezember 2020 kaum mehr Erkältungs- oder Durchfallerkrankungen auf der Station. Auf Händeschütteln verzichten wir und tragen Mundschutz.

Wie sieht es mit der Impfung aus?

Die meisten Heimbewohner, 80 von 108, und Pflegepersonen, circa 60 von etwa 100, ließen sich im Januar 2021 mit dem Biontech-Impfstoff das erste Mal impfen. Im Februar 2021 erfolgte dann die zweite Impfung - ohne erkennbare Nebenwirkungen bei den alten Menschen. Das Personal reagierte nur geringfügig auf die Impfung. Todesfälle nach der Impfung gab es nicht. Der Impfwille war also relativ hoch und auch ich habe mich impfen lassen. Es gab Diskussionen, die man meiner Meinung nach auf jeden Fall zulassen sollte. Einige Mitarbeiter ließen sich nicht impfen. Auch dies gilt es zu akzeptieren, denn die Frage nach der Impfbereitschaft sollte unsere Gesellschaft nicht spalten. Wir arbeiten als Team, trotz unterschiedlicher Einstellungen zur Impfung, gut zusammen. Diskussionen bereichern unseren Alltag. Meine Eltern zum Beispiel möchten sich noch nicht impfen lassen, und ich respektiere das voll und ganz.

Wie hoch ist die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals jetzt mit all diesen neuen Maßnahmen?

Zwar rückten wir Altenpfleger anfänglich mit öffentlichen Beifallsbekundungen in den Fokus der Öffentlichkeit und erhielten viel mehr Aufmerksamkeit als sonst für unsere schwere Arbeit. In der Isolationsphase mit den alten Menschen waren wir dann jedoch wieder sehr auf uns allein gestellt. Besonders schwer war und ist für die Heimleitung und die Pflegedienstleitung die zeitnahe Umsetzung der häufigen Neuerungen der Corona-Regelungen/Schutzverordnungen. Der Schutz der Bewohner hatte bereits vor Corona-Zeiten oberste Priorität und hat es auch heute noch. Die dauerhafte psychische Belastung von Bewohnern und Personal macht es schwierig einen guten Weg zu finden, der alle befriedigt. Der Zeitaufwand für zusätzliche Arbeiten, wie das Desinfizieren und die Testungen diverser Personen, ist enorm gestiegen.

Unter den Kollegen gab es kaum Coronafälle. Eine Mitarbeiterin war im Krankenhaus, hat aber alles gut überstanden. Wir machen unsere Erfahrungen und halten einiges für übertrieben, wobei das Pflegepersonal auch hier zwiegespalten ist. Die älteren Kollegen haben mehr Angst. Ich persönlich bin froh geimpft zu sein. Am besten wäre es aber wahrscheinlich, wenn eine natürliche Immunität in der Bevölkerung entstehen würde. Dies ist jedoch meine persönliche Meinung – ich bin keine Virologin.

Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach die Gesamtsituation weiter?

Meinem Gefühl nach finden sich Familien wieder mehr. Das Kleine, was man hat, muss man nutzen. Ich beobachte, dass die Menschen zunehmend ungeduldiger werden - sinnvolle Öffnungsstrategien zu etablieren, bleibt die große Aufgabe der Politik. Uns allen fehlen die sozialen Kontakte. Wir brauchen den Ausgleich, zum Beispiel durch das Treffen einer Freundin oder dem Feiern von Familienfesten. Den Kindern fehlen die Freunde im Kindergarten und der Schule. Er werden in Zukunft neue Probleme auftreten, die es gemeinsam zu lösen gilt.



(17.04.2021 - Red. - Das Interview fand Mitte März 2021 statt)

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